Allerdings wissen die wenigsten heute noch um seine Philosophie.
Meiner Meinung nach ein Grund, zu trauern.
Dies soll der Versuch einer Interpretation sein, welche sich auf eines der berühmtesten Sätze der Philosophiegeschichte bezieht: Gott ist tot.
Warum ist Gott tot? Warum haben wir ihn weggeschickt? Warum ist der Gläubige schwach?
Ich werde die Parabel des tollen Menschen stückweise auseinandernehmen und versuchen, zu interpretieren.
Ich möchte anfangs erwähnen, dass Nietzsche "toll" im Sinne von "wunderbar" verstand. Nicht im Sinne von "verrückt".Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "Ich suche Gott! Ich suche Gott!"
Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter.
Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere.
Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? - so schrien und lachten sie durcheinander.
Halten wir fest:
Der tolle Mensch sucht mit einer LATERNE am HELLEN VORMITTAG nach Gott.
Er versucht also mit aller Kraft, Gott oder das Göttliche zu finden.
Die "Ungläubigen" (Atheisten möchte ich sie nicht nennen, ich werde später den Grund erklären) lachen über ihn.
Machen ihre Scherze darüber, dass ein Gott existieren würde.
Das ist eine Stelle, die unglaublich wichtig für das Verständnis meiner Interpretation ist.
Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.
"Wohin ist Gott?" rief er, "ich will es euch sagen!
Wir haben ihn getötet - ihr und ich!
Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht?
Wie vermochten wir das Meer auszutrinken?
Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?
Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?
Wohin bewegen wir uns?
Fort von allen Sonnen?
Stürzen wir nicht fortwährend?
Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?
Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?
Haucht uns nicht der leere Raum an?
Ist es nicht kälter geworden?
Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?
Die These des tollen Menschen ist, die Menschheit hätte Gott vertrieben, ihn getötet.
Wichtig sind für mich die Metaphern, die für eine Interpretation natürlich einen großen Freiraum lassen.
"Austrinken des Meeres" als Zeichen der "endlichen Unendlichkeit".
Meiner Meinung nach ein Symbol dafür, dass der Mensch Gott "durchschaut" hat.
Die Sonne war in der Theologie immer ein Sinnbild für Jesus.
Die Metapher der "Kette" kann sowohl als Verbindung, als auch als Gefangenschaft interpretiert werden.
Ich persönlich möchte mich nicht auf eine dieser Ansichten versteifen, sondern ziehe beide in Betracht.
Die nächsten Sinnbilder sind meiner Meinung nach extrem wichtig.
Manche lesen einfach drüber, ohne es groß zu verstehen oder genauer hinzusehen.
Der tolle Mensch meint, dass die Menschheit ohne Gott "hin und her stürze".
Dass wegen ihrer Loslösung von Gott ein Chaos entstehe, eine "Nacht nach der anderen Nacht".
Die Menschen "irren" ohne ihren Gott hilflos umher.
An für sich könnte man jetzt sagen, dass das doch wohl ein Fürspruch für die Religiösität ist.
Ich betrachte das allerdings unter einem anderen Standpunkt.
Der Mensch ist gebunden an Gott - aus Schwäche.
Atheismus bedeutet eine ungeheure Verantwortung - denn du kannst dich nicht an Göttern orientieren oder die Verantwortung in deren Hände legen.
Das setzt voraus, dass du diese Verantwortung auch tragen KANNST.
Du brauchst eine gewisse Stärke dafür.
Und der tolle Mensch meint nun, dass die Menschen diese Verantwortung nicht tragen könnten - denn sie suchen zu viel nach Gott!
Ja, ich muss zugeben, ich habe die Pointe versaut.
Denn die weiteren Textstellen unterstreichen nur meine Theorie, dass der Mensch zu seinem eigenen Gott werden sollte.
Nur noch eine Textstelle muss ich euch zeigen:
Der tolle Mensch ist zu früh.Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. "Ich komme zu früh", sagte er dann, "ich bin noch nicht an der Zeit.
Der normale Mensch ist noch zu schwach und zu dumm für Weisheit.
Zu schwach, diese großen Lasten auf seinen Schultern endlich zu akzeptieren und zu tragen.
Ich habe mich kurz gefasst.
Ich bitte um eure ausführlichere Meinung.
Gruß
Diabolus





