Die Zeichen oder Farben der kleinen Arkana
Mit den Zeichen der kleinen Arkana meine ich dasjenige, was in normalen Spielkarten als Farbe bezeichnet wird. Im Tarot haben sich hier Stab, Kelch, Schwert, Münze/Pentakel/Scheibe durchgesetzt.
Obwohl es in modernen Tarots für jedes dieser Zeichen Variationen gibt, möchte ich mich im Moment vor allem damit beschäftigen, welches Zeichen ich für den traditionellen Münz-Satz für sinnvoll halte. Denn in folgendem Gedanken stimme ich mit Crowley überein, nämlich wenn er in seinem Thoth-Buch bei der Beschreibung des As der Scheiben sagt:
"Gleichfalls dürfen die Scheiben nicht mehr als Münzen betrachtet werden; die Scheibe ist ein sich drehendes, wirbelndes Sinnbild."
Bevor ich das aus meiner Perspektive begründe, ein kurzer Abriss dessen, was man über die Entstehung der Zeichen weiß, sowie zu allgemeinen Aspekten von magischen Zuordnungen. Für die kleinen Arkana braucht man sich zunächst nicht um all die Spekulationen und Forschungen kümmern, welche sich um die Entstehung der Bilder der heutigen großen Arkana ranken. Für die kleinen Arkana dürfte allgemein akzeptiert sein, dass sie in den Spielkarten wurzeln.
Exkurs: Dämonen und Spiel
An dieser Stelle bietet sich an, ein paar Gedanken an die dämonologische Bedeutung des Spiels zu verwenden. Es ist das Spiel, speziell das Glücksspiel, welches der mittelalterlichen Kirche und Religion verhasst war, möglicherweise von ihr bekämpft wurde. In gewissem Sinne, vielleicht etwas provokativ, könnte man sagen: in den Augen der mittelalterlichen Kirche wurden an den Spieltischen Dämonen angerufen. Umso mehr, wenn für das Spiel Karten verwendet wurden, die der islamischen Kultur entstammten. Und eben das war der Fall!
Und aus diesem Grund erscheint es mir auch völlig müßig, die Spielkartenherkunft des Tarot als etwas Unzureichendes, zu wenig Mysteriöses zu betrachten. Wozu nach geheimnisvollen Quellen in versunkenen Kulturen suchen, wenn schon aus der allgemein akzeptierten Quelle (den Spielkarten) klar hervorgeht: das Tarot steht in unmittelbarer Verbindung mit der Welt der Dämonen. Und es steht in Verbindung mit den höchsten geistig-kreativen Fähigkeiten des Menschen, die sich zu allen Zeiten nicht zuletzt in seiner Fähigkeit zu spielen, Spiele zu erfinden, geäußert hat. Ja, auch Tiere spielen. Aber ist es nicht immer auch ein Ausdruck des Spiels mit Gedanken und Objekten, wenn etwas Neues erkannt oder erschaffen wird?
Vielleicht hat ja jemand Lust, den Zusammenhang zwischen Spiel und Dämonen mal genauer zu erkunden oder hier darzustellen?
Historisches zu den Spielkartenwurzeln des Tarot
Ein guter Kurzüberblick über die Geschichte der Karten findet sich hier. Etwas ausführlicher hier.
Es wird heute weitgehend akzeptiert, dass die Vorläufer der mittelalterlichen Spielkarten die Mamluk Karten sind, also ein Spiel mit Ursprung im islamischen Raum. Paul Huson führt in seinem Buch "Mystcal Origins of the Tarot" aus, dass es sich bei den dort verwendeten Zeichen mit einiger Wahrscheinlichkeit um heraldische Zeichen handelt, welche einer altpersichen Kultur entstammen könnten.
Interessant finde ich aber auch, dass die Mamluken Königssklaven waren, die ausschließlich für den Militärdienst eingesetzt wurden und später dann eigene mächtige Dynastien gründeten. Nicht zuletzt in Ägypten. Gut möglich, dass die spätere Legendenbildung um ägyptische Wurzeln des Tarot durch diese historische Erinnerung inspiriert wurde.
Das magische Tarot und seine Zuordnungen
Für das magische Tarot, wie es hier und in heutiger Zeit zur Debatte steht, ist aber nicht nur die Frage des "Woher?" interessant. Vielmehr wurde es maßgeblich beeinflusst und gestaltet durch die Zuordnungen, welche von den Gelehrten und Magiern im Laufe der Jahrhunderte vorgenommen wurden.
Oder um es bildlich zu sagen:
Das Tarot ist kein "voller Topf", der aus ferner Zeit überliefert wurde. Sondern das Tarot ist ein Gefäß, das im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr gefüllt und verziert wurde. Dabei lief die Entwicklung mehr und mehr in die Richtung, dieses Spiel zu einem Gefäß für alle jeweils bekannten magischen und spirituellen Zusammenhänge zu machen.
Soweit es die kleinen Arkana betrifft steht dabei an vorderster Stelle die Zuordnung zu den 4 Elementen der altgriechischen Philosophie, Feuer, Wasser, Erde, Luft, sowie zu den 4 Buchstaben des kabbalistischen Gottesnamen YHVH. Diese Zuordnung fand erst im 19. Jahrhundert innerhalb des Hermetic Order of the Golden Dawn statt und hat sich seither als fester Bestandteil des magischen Tarot durchgesetzt.
Zu den frühen bewussten Zuordnungen der Spielkartenfarben gehört die Zuordnung zu den Ständen der mittelalterlichen Gesellschaft, das ist z.T. belegbar. Der Zeitgenosse Paul Huson spekuliert sogar über eine zugrundeliegende Beziehung zu dem zoroastrischen 4-Kastensystem. Durch die "magische Entscheidung" für eine Zuordnung zu den Elementen, ist eine solche gesellschaftliche Hierarchisierung der Tarotsätze aber - zumindest auf der bewussten Ebene - hinfällig geworden. Allerdings halte ich es für möglich, dass altes Klassen- oder gar Kastendenken noch auf der unbewussten Ebene wirkt. Dies Unbewusste könnte sich darin ausdrücken, dass Einzelne die 4 Zeichen Stab, Kelch, Schwert, Scheibe als unterschiedlich "mächtig" oder "wichtig" betrachten.
Mit etwas Fantasie kann man das Füllen der kleinen Arkana mit der Symbolik der 4 Elemente und den Buchstaben YHVH als einen schwarzmagischen Akt betrachten: auf der einen Seite war da die dunkle Seite des Spiels als Spiel, nämlich die kleinen Arkana, die reinen Spielkarten, muslimischen Ursprungs und verwendet von den Zockern. Auf der andren Seite gab es die helle Seite des Spiels, nämlich die großen Arkana, welche in der einen oder anderen Weise lange scheinbar nichts anderes als eine bebilderte Tugend- und Morallehre darstellten mit mehr oder weniger ausgeprägt christlichem oder allgemeinreligiösem Hintergrund. Ein dichteres Verweben dieser beiden Seiten ermöglichte es dem Spiel erst, zu einem Schlüsselbuch für die "graue" Welt der Magie zu werden.
Globalisierung und notwendige Dezentralisierung
Den bisherigen Höhepunkt der Symbolzuordnungen dürfte das magische Tarot in dem Harris/Crowley Thoth-Tarot gefunden haben. Spätere Spiele haben zwar versucht, weiteres magisches Wissen, z.B. auch aus der Welt des Schamanismus, in das Spiel einzubringen. Doch ging dies zumeist wohl einher mit dem Verlust alter Symbolik. Oder um es positiv zu formulieren: wenn man heute noch das Tarot als Gefäß für das gesamte bekannte magische Wissen verwenden will, dann kommt man mit einem einzigen Spiel nicht mehr aus.
